„Bei uns passt nichts“
Liebespaar, Künstlerpaar, Eltern: Pascale Wiedemann und Daniel Mettler sind in vielerlei Hinsicht eine Ergänzung mit ausreichend Reibungsfläche. „Bei uns passt nichts“, konstatieren die beiden unverblümt und denken zugleich schon in der Lösung: „Wir machen es passend“. Eine essentielle Rolle für den sogenannten gemeinsamen Nenner spielen seit mittlerweile zwanzig Jahren die Kunst und eine Paartherapie. Wir treffen die beiden in ihren kreativen und privaten Räumlichkeiten in Zürich zu einer Unterhaltung über diese sehr tiefe Verbundenheit zweier grundverschiedener Persönlichkeiten als Künstlerkollektiv und Paar.

Wir zeigen uns, geben viel von uns preis, lassen das Publikum hineinblicken: Nehmt und schaut, erfahrt und lernt! Wir haben nichts zu verstecken.
Seit 2002 arbeiten Pascale Wiedemann (*1966) und Daniel Mettler (*1965) als Künstlerpaar an einem Werk, das in seiner Komplexität und Vielfalt aus dem Rahmen fällt. In ihren Arbeiten vereinen wiedemann/mettler auf poetische Weise Sinnlichkeit und Rationalität. Das Künstlerduo setzt in seinen Ausstellungen die unterschiedlichsten Medien und Materialien neu zusammen. Die einzelnen Arbeiten werden auf subtile Weise zueinander positioniert. Durch das Zusammenspiel der Werke schaffen wiedemann/mettler im Galerieraum ein Modell der Welt: eine Matrix aus Querverweisen und Beziehungen, die das Publikum in ihren Bann zieht.
„Ohne Paartherapie und ohne Kunst weiß ich nicht, ob wir noch zusammen wären“, er-klärt Daniel Mettler im Gespräch mit uns und meint: „Wir sind sehr bemüht, in der Kunst unseren Konsens zu finden und eine angemessene Streitkultur zu leben.“ Pascale Wiedemann schließt sich dem an und ergänzt: „Wir sind ein Künstlerpaar, ein Liebespaar, wir sind Eltern, es gibt viele Verbindungen zwischen uns, die aber eben auch Druck erzeugen. Bei uns passt nichts – doch, die Liebe, die passt schon, aber alles andere müssen wir passend machen. Auch mit sehr viel Konflikt.“ Und Mettler fährt fort: „Wir leben eine total gleichberechtigte Beziehung, eine extrem emanzipierte, auf beiden Seiten. Anders würde es nicht gehen mit uns. Das ist so gewachsen.“

Daniel Mettler ist der offenere, für ihn ist nichts unmöglich und das ist laut seiner Partnerin Pascale Wiedemann „seine herausragendste Qualität. Du kannst dich auf etwas Neues einlas-sen. Ich würde auch sagen, dass du dich mehr verändert hast als ich.“ Beide sind sich einig, dass die Kunst das Bindeglied ist. Während in der Diskussion rund um die Erziehung des gemeinsamen Sohnes viele offene Fragen im Raum stehen bleiben, eben auch dem Frieden zuliebe, funktioniert das in der Kunst nicht. Da müssen die beiden zusammenfinden und das macht die Beziehung lebendig, erklärt Mettler: „Ich möchte mit Pascale alt werden, weil es mit ihr spannend ist. Es bleibt aktiv und interessant“ und Wiedemann fährt fort: „Wir haben dieses Jahr 20jähriges Jubiläum. Ich liebe ihn mehr als vor 20 Jahren. Wenn ich zurückblicke, was wir als Menschen gemeinsam erreicht haben in dieser Zeit, dann ist das beachtlich und es ist größer und intensiver als jede Erotik.“ In diesen zwei Jahrzehnten haben beide an sich und vor allem auch am „WIR“ gearbeitet. Das lässt sich in deren künstlerischer Arbeit großartig nachvollziehen. Für beide hört dieser immanente künstlerische Prozess nie auf und fängt nie an, sondern ist immer im Fluss. Wenn es Diskussionsstoff gibt – und den gibt es reichlich, versichern beide – dann brodelt das so vor sich hin, es werden E‑Mails hin und her geschrieben und jeder überlegt sich, wie er dem anderen die Idee besser verkaufen könnte, es braucht Argumente.
Pascale Wiedemann war stets Einzelkämpferin, schon als Jugendliche im Wettkampfsport als Schwimmerin und danach als Künstlerin. Mettler hingegen ist ein totaler Teamplayer. „Wir hatten am Anfang auch Machtkämpfe. Ich hatte jahrelang das Gefühl, ich bin die Künstlerin. Es ist immer noch ein Thema, wer Recht hat und wer besser ist in der Argumentation. Bevor ich Daniel kannte, bin ich in solchen Situationen einfach verstummt oder habe mich getrennt. Mit ihm wollte ich das nicht. Ich wollte nicht aufgeben. Ich wollte das schaffen“, erklärt Wiedemann.
Es war wohl für beide nicht der leichteste Weg, aber einer, der auch nach zwanzig Jahren noch spannend ist. „Das war ein schwieriger Weg. Für Daniel schwierig, in meine Welt einzutreten und für mich, ihn zu akzeptieren. Noch schwieriger war es in den ersten zehn Jahren mit dem Publikum. Die Menschen haben unsere gemeinsame Arbeit immer mit meiner Arbeit assoziiert. Auch das hat sich mit der Zeit geändert.“
Das Kollektiv lässt die Betrachter*innen tief in ihr Leben blicken. Statt einem klassischen Künstlergespräch in einer Galerie, performen die beiden lieber gemeinsam mit ihrer vertrauten Therapeutin eine Paartherapiestunde. Das bedient ein wenig den Voyeurismus und zwingt das Publikum dazu, selbst in den Spiegel zu schauen. „Wir zeigen uns, geben viel von uns preis, lassen das Publikum hineinblicken: Nehmt und schaut, erfahrt und lernt! Wir haben nichts zu verstecken“, unterstreicht Pascale Wiedemann. Tatsächlich brechen die beiden ein Tabu und stellen das Thema der Verbundenheit auf eine höhere Ebene. Diese Chance bleibt vielen Paaren ein Leben lang verwehrt. Man kann eben genau dann wachsen, wenn es genug Reibungsfläche gibt und man den Mut hat, sich diesen Konflikten auszusetzen.
In ihrem künstlerischen Prozess arbeitet das Kollektiv wiedemann/mettler gerne mit Themen, die durchaus auch andere Menschen umtreiben. Für die Ausstellung „Mercy“ in der Galerie Luciano Fasciati in Chur 2009 setzten sich wiedemann/mettler beispielsweise mit Systemmöbeln auseinander. Die beiden interessieren sich generell für Systeme und für vorgegebene Raster als Herausforderung für die Kreativität. So sind in rund zwei Jahren zahlreiche Objekte, Installationen und Fotografien aus und mit Systemmöbelelementen entstanden. Im Rahmen der Ausstellung „better safe than sorry“ im Haus für Kunst Uri hat das Künstlerduo 2014 das Kunsthaus in eine Arche verwandelt. Inszeniert wurde das Thema Sicherheit in seiner ganzen Ambivalenz. Für ihre Ausstellung Lovers‘ Lane in der Zürcher Galerie Lullin + Ferrari 2020 erarbeiteten wiedemann/mettler eine Werkserie, die sich noch intensiver auf den direkten Austausch des Paares konzentrierte. Entstanden ist ein Pfad der Liebenden aus 33 Bilderpaaren, jeweils eine Fotografie von Daniel Mettler und eine Malerei auf Samt oder Schnittarbeit auf Lycra-Stoff von Pascale Wiedemann. Gehängt wurden die Bildpaare ähnlich einer Filmstrecke, die das Publikum im Gehen erkunden kann. Entwickelt wurden die Paare durch Aktion und Reaktion, wie ein Frage-Antwort Spiel, bei dem die Antwort nicht immer klar sein muss oder wie ein Diskurs zweier Resonanzkör-per mit teils offenem Ergebnis.
Die Wahl der Themen ist ganz stark geprägt von Interesse und Lust. „Ein sehr treibendes Element in unserem Schaffensprozess ist die Lust. Wir müssen uns nach niemandem richten, sondern wir dürfen unserer Lust folgen“, sagt Pascale Wiedemann begeistert und Mettler ergänzt: „Natürlich sind wir auch gebunden an Entstehungskosten und Räumlichkeiten. Völlig losgelöst von finanziellen Hintergründen würden wir noch installativer arbeiten. Wenn es ganz unabhängig wäre, würde ich bei Installationen noch viel mehr Möglichkeitsräume sehen.“ Den Werken und Installationen des Künstlerpaares wohnt eine Qualität inne, die gesellschaftliche und politische Fragen einschließt. In ihren Ausstellungskonzepten entfalten sie ihren persönlichen Blick auf das Zusammenspiel von Bildern in einer globalisierten Gemeinschaft – und legen dabei tiefe Hohlräume und Blicke auf die Wahrnehmung frei, die uns alle einladen, unsere Aufmerksamkeit zu schärfen und Werte zu hinterfragen. Im Oktober 21 bespielten wiedemann/mettler das Warenhaus Jemoli in Zürich wie ein Museum und die beiden fanden diese Herausforderung sehr spannend: „Das Gefäß muss anscheinend auch im Handel erweitert werden und man ist auf uns gestoßen. Bauhaus hat ja schon so gedacht, die Wiener Werkstätten oder auch das Arts and Crafts Movement. Wir machen keinen Unterschied zwischen Angewandter und Bildender Kunst. Ob wir ein Kissen kreieren, ein Kleidungsstück, ein Foto oder ein Bild – da machen wir keinen Unterschied. Wir liebäugeln gerne mit solchen Themen, wie eben dem Warenhaus.“ Es wird also alles andere als still im Denk‑, Werk‑, Konflikt- und Möglichkeitsraum des Künstlerkollektivs.