Interview mit Florian Bühler

Anlässlich der Ausstellung „Herrenwitz und Katzentisch“ in Zürich haben wir Künstler Florian Bühler kontaktiert und zu einem Gespräch geladen. Für uns gehört er als 1983 Geborener zu jener Generation der Kunstschaffenden, die durch ihr Werk den Beginn einer neuen nachhaltigen Qualitätsorientierung im gesamten Kunstbetrieb markieren. „Was man macht, wiegt ja immer schwerer, als das, was man sagt“, meint Bühler im Gespräch mit uns. Diesen Satz lassen wir auf uns wirken, denn er ist von einer enormen Aussagekraft, wie es auch die Bildwelten Bühlers sind.
Bereits während seines Studiums der Bildenden Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste und dem anschließenden Tutorat für Malereitechnik wurden seine Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Unmittelbar nach seinem Abschluss 2009 erfolgte die Aufnahme im Programm der Galerie KATZ CONTEMPORARY in Zürich. Dies war ein bedeutender Karriereschritt. 2020, elf Jahre später, wird er nach wie vor von derselben Galeristin Frédérique Hutter begleitet und konnte seinen Sammlerkreis stetig erweitern.
Werke von Florian Bühler finden sich in renommierten Privat- und musealen Sammlungen, wie beispielweise der Hort Collection in New York, der Sammlung Kunsthaus Zürich, der Sammlung Bank Julius Bär und vielen mehr. Bühlers Stil zeichnet sich durch eine Malerei aus, die vorgibt, realistisch zu sein. Er bewegt sich innerhalb des Porträts, des Stilllebens und der Genremalerei, wobei sich die einzelnen Gattungen immer wieder übereinander lagern. Die aufwändige Arbeitsweise Bühlers ist bemerkenswert: Etappenweise legt der Künstler mehrere Farbaufträge übereinander, bis sich die Schichten zur fertigen Oberfläche schließen.
Im Gespräch mit stayinart offenbart Bühler seine Faszination für Kompost, spricht über die „überlange“ Ausarbeitungsphase seiner Bilder und sein Interesse für das Abgründige am Menschen.
Wie erlebst du diese Zeit des Social Distancing? Worüber machst du dir Gedanken?
Als diskreter Atelierarbeiter habe ich die Strukturen von Home-Office bzw. Social Distancing generell etabliert und bin von Isolationsmaßnahmen wenig betroffen. Anders als Künstler, die auf eine Bühne mit Publikum davor angewiesen sind, ist man als Maler mit seinen Gemälden unter dem Arm in der Phase der Präsentation dann auch deutlich flexibler. Während eine wirtschaftlich unsichere Lage auch für den Kunstmarkt eine Herausforderung ist, bieten Zeiten, in denen Themen wie Corona-Hoax und diverse Verschwörungstheorien in aller Munde sind, auch eine interessante Atmosphäre, in der sich meine Bilder recht wohl fühlen.
Deine Bilder spiegeln eine hyperreale Welt wider. Oberflächlich betrachtet scheint es Realität zu sein, doch dann ist da doch viel mehr, als man im ersten Moment zu sehen glaubt. Wie entsteht so ein Werk in deinem Atelier? Entsteht das Bild schon in deinem Kopf oder entsteht es im Malprozess?
Das fertige Gemälde ist ein klassischer Kompromiss zwischen Kopf und Hand – der Moment, in dem ich ein Bild abschließe, ist fast immer von äußeren Umständen beeinflusst. Dass ich meine Ölbilder meistens in mehreren Schichten aufbaue, führt zu einer „überlangen“ Ausarbeitungsphase im Verhältnis zum Entwurf des Bildes, was einen großen Einfluss auf das Werk hat. Was man macht, wiegt ja immer schwerer, als das, was man sagt.
Es gibt nicht sehr viele Künstler*innen deiner Generation, die sich so stark mit klassischer Malerei auseinandersetzen. Wie kam es dazu, dass du diesen Ausdruck gewählt hast?
Meine Leidenschaft für die Malerei entspringt ursprünglich einem weitgehend antiakademischen Affekt, den abzuarbeiten und zu entwickeln mir im Rahmen meines Studiums der bildenden Kunst an der ZHdK möglich war, an dessen Ende ich eine eigene Bildsprache für mich entdeckt hatte. Ich schätze das Tempo und die Lautstärke, die diesem etwas aus der Zeit gefallenen Medium eigen sind.
Auch wenn wir technisch von klassischer Malerei sprechen, so ist dein Werk alles andere als klassisch. Gerade so ein Stillleben, als eine Momentaufnahme der Realität, kann unheimlich meditativ sein. Bei deinen Bildern ist es anders: In dieser meditativen Phase erhebt sich plötzlich ein innerer „Aufschrei“ – „was ist das los?“. Und dann kommt diese Spannung auf. Ist dieses Phänomen für dich als Künstler nachvollziehbar?
Natürlich erlebe ich beim Betrachten von Bildern manchmal Ähnliches, selber würde ich meinen Bildern auch kein meditatives Potential zutrauen. Ich empfinde sie als unmittelbar kommunikativ, was für mich auch Sinn macht, denn, selbst bei langwieriger Arbeit, bin ich nie in einem meditativen oder gar rauschhaften Zustand, sondern stets in angeregter Betriebsamkeit. Oder anders ausgedrückt: Bei mir im Atelier gibt‘s Kaffee und Bier, nicht Tee und Absinth.
Es gibt in Zürich eine Ausstellung von dir zu sehen. Die Produktionszeit für ein Bild von dir ist ja bekanntlich umfangreich. Wie lange hast du gearbeitet, um die Werke für diese Ausstellung zu erschaffen?
In der kommenden Ausstellung mit dem Titel „Herrenwitz und Katzentisch“ zeigen wir Bilder, an denen ich seit 2017 gearbeitet habe und bis zu diesem Anlass abschließen konnte. Es handelt sich um ca. 15 klein- bis mittelformatige Gemälde und einige Heliogravuren aus 2017.
Gibt es einen speziellen Schwerpunkt bei dieser Ausstellung?
Einen thematischen Schwerpunkt habe ich bei Einzelausstellungen nie, vielmehr führt die zeitlich begrenzte „Schaffensphase” und die Auswahl der Bilder zu einer Art inhaltlichem Rahmen. Durch die aktuellen Bilder zieht sich ein Frohsinn, der sich aus einer Mischung aus überzeichneter Drolligkeit und zitierter Schwermut speist, stets bemüht, nicht zu sehr in eines davon zu kippen.


Die Realität, die du in deinen Bildern erzeugst, fordert den Betrachter. Spielst du mit diesem Element oder spielt sich die Realität genauso in deinem Kopf ab?
Die Realität in den Bildern ist Ergebnis eines gewissen Blicks auf die Dinge, der sich dann im Gemälde manifestiert. Dieser kann manchmal durchdringend und fast hypnotisch, manchmal auch sehr oberflächlich oder intuitiv sein. Die Zeit, die man dann in ein Bild hineingibt, wenn man ein bisschen länger daran arbeitet, zeigt sich bestenfalls in einer gewissen Dichte und Intensität.
Deine Arbeiten greifen vielfach Gegenstände des Alltags auf. Darunter auch oft Lebensmittel, die auf den zweiten Blick skurril inszeniert erscheinen. Ist es richtig, wenn wir das als Provokation interpretieren?
Natürlich! Allerdings nicht zum Kauf der dargestellten Produkte. Provokation im Wortsinn ist vermutlich das Ziel der meisten künstlerischen Äußerungen, wovon jemand provoziert ist, liegt dann gänzlich beim Betrachter und ist dem Wandel der Zeit ausgesetzt. Ich denke da zum Beispiel an die wunderbaren Werbegrafiken eines Niklaus Stöcklin, die heute im Museum zu finden sind, oder an die polarisierenden Illustrationen von Gottfried Helnwein werden.
Eie ist deine Haltung dem Konsum gegenüber?
Eigentlich eine ziemlich wertneutrale, im persönlichen Konsumverhalten an manchen Stellen eine asketische, an anderen eine unterwürfige. Eine gesellschaftliche Konsumkritik kommt in meiner Arbeit kaum vor, allenfalls dort, wo die Vorzeichen sich umkehren und die Produkte selbst zu Konsumenten ihrer Erschaffer werden.
Denkst du persönlich, es wird nach dieser globalen Pandemie zu einem Wertewandel kommen? Auch bezogen auf die Kunst, die „Kunstindustrie“ und den Kunstkonsum?
Der Mensch vergisst ja rasch – vor allem die unangenehmen Sachen. Ich denke, in der Schweiz wird im Vergleich zu anderen Ländern eine raschere Genesung stattfinden. Ich denke schon, dass Menschen bei einem Ankauf vielleicht nun vermehrt Nutzen und Ertrag abwägen werden, wobei der Nutzen neu auch gelten könnte: Das gönne ich mir jetzt, solange ich kann, schließlich habe ich nun die Erfahrung gemacht, dass morgen die Welt plötzlich ganz anders aussehen kann. Dies wohlgemerkt nur Menschen, deren Existenz nicht gerade auf der Kippe steht… Auch wird es sicherlich eine gesunde Schrumpfung der Kunstvielfalt geben – Qualität und Nachhaltigkeit werden mehr gewichtet werden.
Beschäftigst du dich als Künstler mit Zukunftsszenarien oder konzentrierst du dich, wie auch in deinen Bildwelten, auf das Hier und Jetzt?
Gemälde haben zwar einen Arm in die Vergangenheit und einen in die Zukunft, generell aber empfinde ich meine Arbeit als sehr an Ort und Zeit angebunden. Beim Malen kämpfe ich oftmals gegen fliegenden Staub und Dreck an, der sich in der frischen Farbschicht absetzen möchte. Meine Faszination für Kompost bringt mich dann manchmal dazu, mir den Moment vorzustellen, in dem das gerade bearbeitete Bild wieder zerfallen wird, ob es von selbst zerbröseln oder durch den unachtsamen oder gar gezielten Fußtritt eines Zukunftsmenschen zerlegt werden wird.

Wlche Rolle spielt die digitale Vernetzung für dich als Künstler?
Keine so große. Da ich nicht viele Werke produziere, bin ich auf eine „Massenverbreitung“, um den Verkauf anzukurbeln, wenig angewiesen. Ich habe zum Glück einen treuen Sammlerstamm, der immer größer wird, und im Moment übersteigt zeitweise gar die Nachfrage das Angebot. Dies auch nur, weil Frédérique Hutter, meine Galeristin und Managerin, über Jahre diese Sammlerschaft aufgebaut hat.
Gibt es Menschen oder auch Phänomene, die dich beeindrucken und dich auch in deinem Schaffensprozess inspirieren?
Generell interessiert mich das Abgründige am Menschen, wie es beispielsweise in Kriminalfällen zu Tage tritt, wo dann Dinge offenbart werden, die vorher in Abstufungen bereits da waren und eigentlich permanente Aufmerksamkeit verdient hätten. Auch Internetphänomene, wie das „Drachengame“ oder Plattformen diverser Subkulturen finde ich eindrücklich. Als inspirierend für meine Arbeit würde ich aber auch den Wortwitz eines Olli Dittrich nennen.
Du hast in Zürich studiert und arbeitest jetzt in der Schweiz. Hat dich jemals ein anderer Ort zum Arbeiten interessiert?
Momentan arbeite ich in der Schweiz und in Frankreich jeweils in sehr ländlich gelegenen Ateliers, was dazu führt, dass ich mich von Zeit zu Zeit schon dabei ertappe, mir ein Atelier in Vienna City zu wünschen.