Bereits in ihrer Diplomarbeit „Trying to Find You” machte Tracey Emin deutlich, dass sie sich immer von den expressionistischen Malern Edvard Munch und Egon Schiele inspirieren lässt, obwohl ihr Werk auch explizit feministisch ist. Über expressionistische Elemente und Themen setzt sie sich in ihren Arbeiten mithilfe verschiedener Ausdrucksformen, wie Handarbeit, Skulptur, Fotografie, Zeichnung, Malerei, Video und Installation, mit komplexen persönlichen Fragen und Konzepten der Selbstdarstellung auseinander.
Emin trat Egon Schiele bereits 2016 nachhaltig gegenüber. Das Leopold Museum in Wien zeigte damals eine umfassende Ausstellung mit mehr als 80 Werken der britischen Künstlerin. Als Superstar und Enfant terrible der zeitgenössischen Kunst trat sie in einen Dialog mit einer persönlichen Auswahl von Zeichnungen Egon Schieles. Diese Auseinandersetzung mit dem Oeuvre des österreichischen Expressionisten ermöglichte es Tracey Emin, mit ihrer Kunst Neuland zu betreten und interessante Parallelen zu ziehen. Darauf angesprochen, wie sie diesen Dialog damals erlebte, meinte Emin: „Schwierig und gleichzeitig sehr anregend. Er ist kein lebender Künstler, der mir mit Ja oder Nein antworten könnte. Aber es war wunderbar, in einen so intensiven Dialog mit diesem großartigen Künstler zu treten. Ich habe mich gefragt: Würde ihm die Ausstellung gefallen, wäre er glücklich mit meiner Auswahl? Ich glaube schon. An einer 10 Meter langen Wand habe ich nur eine einzige Zeichnung von Egon Schiele platziert, perfekt ausgeleuchtet. Das sieht umwerfend aus. Doch anfangs war ich besorgt, wie die Resonanz sein würde; vor einer Eröffnung bin ich immer wahnsinnig nervös.“
2020 folgt nun ein nächster Höhepunkt. Ihr Werk trifft auf den expressionistischen Künstler Edvard Munch. Die Royal Academy of Arts wird unter dem Titel „Tracey Emin / Edvard Munch: The Loneliness of the Soul“ vom 15. November 2020 bis 28. Februar 2021 eine Ausstellung präsentieren, die Emins langjährige Faszination für den Künstler Edvard Munch offenbart, von dem sie selbst sagt: „Ich bin in diesen Mann verliebt, seit ich achtzehn Jahre alt bin.” Während ihrer gesamten Karriere fühlte sich Emin vom Expressionismus Munchs angezogen und teilt sein Anliegen, die Komplexität der menschlichen Psyche zu erforschen. Bereits 1998 bezog sich Emin auf Munch, sowohl im Titel als auch am Schauplatz des Filmwerks HOMAGE TO EDVARD MUNCH AND ALL MY DEAD CHILDREN, das mit einer nackten Emin beginnt, die sich in fötaler Haltung auf einem Holzsteg am Rande des Oslofjords in Asgardstrand kräuselt, wo Munch mehrere bekannte Werke malte. Diese Ausstellung wird aufzeigen, inwiefern Munch eine ständige Inspiration für Emin war, und stellt ihre weitreichenden Fähigkeiten als Künstlerin vor.
Tracey Emin wurde 1963 in London geboren, heute lebt und arbeitet sie in London und Frankreich. Sie ist als Teil der losen Gruppierung zeitgenössischer Künstler*innen, die im Volksmund als YBAs (Young British Artists) bezeichnet werden, bekannt geworden. Diese Gruppe von Künstler*innen, zu der auch Damien Hirst, Sarah Lucas und Angus Fairhurst gehörten, stellte oft gemeinsam aus und arbeitete zusammen. Die bahnbrechende Ausstellung Sensation, die 1997 in der Royal Academy stattfand, bot einen umfassenden Überblick über Emin und ihre Zeitgenossen und umfasste neben den Werken ihrer YBA-Kolleg*innen auch Everyone I Have Ever Slept With 1963–1995. Die Bildsprache von Tracey Emin ist direkt und eindringlich. Ihre Kunst ist eine Kunst der Entblößung, und ihre eigene Biografie bietet ihr eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Ihre Titel bilden einen integralen Bestandteil ihrer Werke und sprechen von unerwiderter Liebe, Leid, Sehnsucht und Verlangen. Emins Arbeit ist hemmungslos in der Art und Weise, wie sie ihr persönliches Leben aufnimmt und reflektiert – sei es in bahnbrechenden Installationen wie Everyone I Have Slept With 1963–1995 und My Bed, ihren frühen Performances und Videos wie Why I Never Became a Dancer oder ihren Schriften.



Das Betrachten ihrer Arbeiten erzeugt eine Erfahrung von Intimität, da Emin mit emotionaler Ehrlichkeit über bedeutungsvolle Momente aus ihrem Leben reflektiert. So auch in der Ausstellung „THE MEMORY OF YOUR TOUCH“ bei Xavier Hufkens 2017, in der sie das Ableben ihrer Mutter zum Thema machte. Die damals gezeigten Kunstwerke sind voll von Trauer und der Sehnsucht nach der Berührung durch jemanden, der nicht da ist. Die Betrachter*innen lässt sie in ihre intime Welt voller Schönheit, Elend, Liebe, Lust, Scham, Schuld, Leben und Tod eintauchen. Auf den Moment des Sterbens ihrer Mutter angesprochen, meinte Emin in einem Interview: „Als meine Mutter starb, wusste ich, dass das, wovor ich mich am meisten gefürchtet hatte, gerade geschehen war. Aber man kann es nicht messen, bis es passiert … und ich musste warten und zusehen, wie es passiert. Das ist Angst. Und nachdem sie gestorben war, gab es nur einen Weg: vorwärts. Denn das, was ich am meisten gefürchtet hatte, war eingetreten.“
Im Vorfeld der Ausstellung besuchte der Kunstkritiker Jonathan Jones die Künstlerin im Atelier und beschreibt diese Begegnung äußerst beeindruckend: „Emins Berührung ist überall in ihrem Atelier zu spüren. Am deutlichsten ist sie auf einer kleinen Tonskulptur zu erkennen. Die Skulptur wartet darauf, in Bronze gegossen zu werden. Wie ihr vergangenes Selbst scheint dieser Akt auf der Vorderseite posierend. Ihr Gesäß ist in der Luft, das Gesicht gesenkt. Sie ist der Begierde überlassen. Die Abdrücke der Finger und Daumen der Künstlerin sind überall auf dieser fesselnden Skulptur zu sehen. Sie wurde modelliert, geformt, manipuliert. Der bildhauerische Prozess ist gut sichtbar. Dieses kraftvoll sinnliche Objekt ist in zweierlei Hinsicht physisch: Zum einen ist es eine erotische Skulptur, zum anderen sind die Spuren der Berührung der Künstlerin überall darauf zu sehen.“
Die Themen Provokation und Sexualität tauchen in Tracey Emins Werk immer wieder auf, da ihre Kunst fest in der Tradition des feministischen Diskurses verwurzelt ist. In ihrem offenen und manchmal spitzzüngigen Oeuvre, das sowohl von Tragik als auch Humor geprägt ist, legt Tracey Emin ihre eigenen Hoffnungen, Demütigungen, Misserfolge und Erfolge offen. Durch ihren radikalen Missbrauch konventioneller handwerklicher Techniken reflektiert Emins Kunst die feministische Doktrin „das Persönliche ist politisch“. Tracey Emins Interesse an den Meister*innen der Moderne, allen voran Egon Schiele und Edvard Munch, hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihre Gemälde, Monotypien und Zeichnungen. In jüngerer Zeit hat sie sich auch auf den Bereich der öffentlichen Kunst ausgedehnt, mit Werken wie The Distance of Your Heart in Sydney (2018).