Statement by Anja Es – special edition SPONTANEITY
Jedem wahren Kunstwerk wohnt ein Geheimnis inne. Ein Zauber, ein Mysterium, das uns berührt und uns deutlich fühlen lässt: Dies ist mehr als die Summe von Farbe, Form und Material. Man könnte es Geist nennen oder Aura, aber viel interessanter ist doch die Frage: Wie kommt das da rein?
Natürlich kann man sich kunstwissenschaftlich oder kunstphilosophisch an dieser Frage abarbeiten, aber am einfachsten erscheint doch der direkte Weg. Man fragt die Künstler*innen selbst – doch, ach, die antworten entweder gar nicht oder ebenso mystisch wie die Kunst selbst. Musenküsse, göttliche oder wahlweise höllische Eingebung, Inspiration, spontane Idee, die grüne Fee…Wie schön wäre es doch mit einfachen Antworten. Will man von einem Koch wissen, wie der gute Geschmack in sein Essen kommt, kann man mit etwas Charme eine Zutatenliste und eine Kochanleitung erhalten – bei Kunst ist es damit nicht getan. Um Kunst entstehen zu lassen, braucht es eben mehr als Motiv und Material.
Wenn nun aber nicht einmal die Erschaffer*innen von Kunst selbst das Mysterium ihrer Werke entschleiern können, wer könnte es dann? Mir fällt da höchstens die Psychoanalyse ein, die ist schließlich prädestiniert, selbst die abgründigsten Geheimnisse ans Licht der (Selbst)Erkenntnis zu zerren und Bilder zu entschlüsseln, die sonst für alle Ewigkeit im Reich der (Alb)Träume blieben.
![IMG_0243[1]](https://archiv.stayinart.ch/wp-content/uploads/2021/11/IMG_02431-860x1200.jpg)
Bedauerlicherweise finden Psychoanalytiker*innen am Grunde ihrer Erkenntnis mit fast 1000prozentiger Sicherheit irgendwelche Neurosen, sodass eine Pathologisierung der Kunst zu befürchten ist. Das ist im Prinzip nichts Neues, denn seit Jahrhunderten spricht man im Zusammenhang mit berühmten Künstler*innen immer von Genie und Wahnsinn – wobei Wahnsinn natürlich noch eine Spur verrückter ist als eine gutbürgerliche Neurose. Dennoch: Ein bisschen Wahnsinn steht in der Assoziationskette des Normalbürgers beim Begriff Künstler ganz weit vorne. Van Gogh hat sich das halbe Ohr abgeschnitten und Camille Claudel ist sogar im Irrenhaus gelandet!
Ob die wirklich wahnsinnig waren, sei dahingestellt; Fakt ist aber, dass mit reiner Vernunft gedüngte Kunst eher selten schöne Blüten treibt. Man stelle sich vor, man bekäme den Auftrag, ein surrealistisches Bild auf Basis wissenschaftlicher Fakten und rationaler Überlegungen zu kreieren! Kunstrichtungen wie Informel, Abstrakt, Symbolismus u.v.m. hätten nie das Licht der Welt erblickt und ja, ich behaupte, kein einziges, jemals geschaffene Kunstwerk wäre ohne unbewusste, unwillkürliche, spontane Eingebung erschaffen worden.
Eine neue Arbeit entsteht ja nicht mit dem ersten Pinselstrich oder was auch immer zur Herstellung erforderlich ist. Manchmal vergehen Jahre vom ersten Funkeln im Kopf, im Herzen oder im Geist bis zur Umsetzung. Dazwischen liegen vor allem Emotionen. Wie fühlt es sich an, daran zu denken? Welche Assoziationen ruft es hervor und welche Erinnerungen, Fantasien, Ängste, Hoffnungen etc. steigen da wie Luftblasen aus den Tiefen des Unbewussten herauf? Die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und inneren Bilder gehört zur Grundausstattung guter Künstler*innen. Eine geschärfte Selbstreflexion ist fast noch wichtiger als ein routinierter Strich – sie befeuert alles, was danach an Aktion nötig ist. Sie ist An-trieb, Motivation und Keimzelle der Kunst. Der Rest ist Handwerk und Konzept. Erst an dieser Stelle ist die Ratio gefragt. Dazwischen aber liegt die Spontaneität. Sie ist die Brücke zwischen Impuls und durchdachter Umsetzung. Der oder die Künstlerin kommt im Prozess der Kunstentstehung an einen Punkt, wo entschieden werden muss, ob der Eingebung spontan die Handlung folgten oder die Idee aus mehr oder weniger (!) rationalen Überlegungen verworfen werden soll.

Der Gedanke daran, wie viel Kunst aus den Gehirnen abgetrieben wurde, weil eben dieser Spontaneität kein Raum gegeben wurde, weil Mut fehlte und die sogenannte Vernunft über die Kunst gestellt wurde, ist schmerzhaft. Andererseits trennt sich hier eben die Spreu vom Weizen. Echte Künstler*innen wischen einen saftigen Musenkuss nicht schamvoll von den Lippen. Sie wagen es, die Idee auszutragen und zu gebären und oft trägt das frische Kunstwerk genau jenen Spirit in sich, der die Betrachter*innen im Herzen ergreift. Und da ist es dann: das Mysterium einer Arbeit, der unerklärliche Zauber – aber es braucht Mut und spontane Entschlusskraft, den Reichtum innerer Zustände in Kunst zu verwandeln.
Im Grunde ist es genau dieser Mut, sich der Welt preiszugeben, den viele Menschen an Künstler*innen bewundern. Wer traut sich schon, seinen Impulsen zu folgen? Un-Menschen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung machen das und landen oft genug deswegen im Knast. Kinder tun das vollkommen absichtslos. Der Unterschied liegt in der Intention. Impulsgesteuert und spontan zu handeln, um KUNST zu schaffen, ist absolut gerechtfertigt und muss freiheitliches Grundrecht sein.
Diese Freiheit wird manchmal beneidet. Für so einen Sch… kriegt der auch noch Geld! Das kann ich auch! »Mach doch, wenn du dich traust« möchte ich rufen, aber diesen Fehdehandschuh hat sich noch keiner von den Maulhelden aufzunehmen getraut.
Spontaneität ist für Kunstschaffende der Weg zu Originalität und Authentizität.
Der Zugang zu eigenen, teils aus dem Unbewussten gespeisten Darstellungswelten, gepaart mit dem Mut zu originärer künstlerischer Gestaltung, verleiht einer Arbeit ihre Einzigartigkeit. Wer meint, Spontaneität müsse gut überlegt sein, hat seine Verwegenheit schon an die Spießbürgerlichkeit verloren – und nicht nur die. Auch die Selbstachtung steht auf dem Spiel, denn Künstler*in sein bedeutet immer auch, Grenzen auszuloten, frei zu denken, vorzugreifen und anzutreten, im Namen der Kunst. Dass es dabei ungemütlich werden kann, ist klar, aber gerade dafür lieben wir doch die Künstler*innen. Nicht für ihr Handwerk, denn dann könnten wir ja auch den Metzger lieben, der das Fleisch meisterhaft vom Knochen löst.
Ich selbst bin in diesem Text leider kein leuchtendes Beispiel für spontanen Ausdruck und KUNSTvollen Stil. Ich habe beim Schreiben all meine Nebengedanken, freien Assoziationen, die meisten Gefühle und alle möglichen Farben und Formen der Rationalität und Lesbarkeit zuliebe weggelassen und gebe zu, dass das ein ganz schön trockenes Stück Arbeit war. Um wie viel KUNSTvoller, authentischer und ausdrucksvoller derselbe Text sein könnte, wenn Spontaneität im Spiel ist, sieht man auf der anderen Seite. Brennt aber etwas im Auge.
Viel Spaß wünscht
„Spontanja“ Es