Interview mit Filip Lav
Bei Filip Lav weiß man nie, ob er eher Maler oder Bildhauer ist. Zuerst faszinieren seine spirituell angehauchten, bunten Ölbilder durch die Üppigkeit der abstrakten, symbolistischen und gegenständlichen Darstellungen. Farbspiele setzen die Akzente zu den oft schlingenhaften Bewegungen, die sich im Nirgendwo am Ende der Leinwand weiter bewegen. Seine neuen Bilder verweisen auf bildhafte Annäherungen an Picasso, Bacon, Pop- und Op Art und verbinden seine flächenhaften Farbgruppen mit dreidimensionalen im Bildraum aufgebauten Figuren. „Carnival’s End“ von 2020 ist so ein Bild: Eine Art Manege wird für die platzierten Skulpturen im Bild aufgebaut. Sie erinnert an Francis Bacons Manegen von Stierkampfbildern und Porträts in Innenräumen. Ornamentale Muster umranden das Bild, immer wieder in anderen grellen und dunklen Farben. Auf einem Hocker ist Lavs Holzskulptur „Babylon“ platziert, jene, die im Original unbemalt blieb und das Material für sich sprechen lässt. In „Carnivals End“ ist die Skulptur üppig bemalt und in bunte Farbfelder geteilt. Die violett gemalte Figur daneben deutet auf die Skulptur, mit einer Art gelbem Heiligenschein. Auch diese Figur gibt es etwas abgewandelt als bemalte Holzskulptur. Eine blaue Steinwand grenzt den rundlichen Hintergrund ein. Die Üppigkeit, die von den Farben und der Komposition ausgeht, gibt dem Werk ein dynamisches Geflecht zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion.

Lav, in Wien von mazedonischen Eltern geboren und zurzeit auch dort lebend, kann auf eine der besten Ausbildungen zurückblicken. 2012 absolvierte er an der Ruskin School of Fine Art an der Oxford Universität in England sein Kunststudium, um dann nach New York zu ziehen und dort bei Sanford Biggers und Matthew Ritchie an der Columbia University seinen Master zu erlangen. Zurück in Wien, hat er dort sein neues Atelier. Seine Skulpturen vereinen stilistisch die östlich-orthodoxe Holzschnitzerei mit der American Arts and Crafts Bewegung der „folk art“ und dem Jugendstil. Im Bild „OKO“, das auf Mazedonisch für das Auge steht, erkennt man, wie wichtig die Titel für Lav sind, die zumeist auf Mazedonisch sind. Das Auge ist im Mittelpunkt der Leinwand, das sich nach allen Richtungen durch stachelartige Wimpern ausstreckt. Farblinien und Flächen durchdringen einander in bunten Verwölbungen und gehen auf der gesamten Bildfläche in einem dynamischen Rhythmus auf. Die Holzskulptur „Babylon“ von 2019 ist eine filigrane, handgeschnitzte Figur, die auf einem Metallstand steht, der Teil der gesamten Skulptur ist und 2,60 m misst. Eine besondere Weichheit ist an der Arbeit durch das unbemalte Holz zu erkennen, die die Figur als ein organisches Ganzes verbindet. Bei meinem erst kürzlich erfolgten Besuch im Atelier von Filip Lav entstanden einige Fragen und ein kreativer Austausch zwischen uns.
Filip, deine Titel haben für dich eine besondere Bedeutung, wie die Werke Pesma, Zivo, UBI und Lepota, um nur einige zu nennen. Was bedeuten sie für Dich, und wie teilst du sie auf deine Bilder und Skulpturen auf?
Die Titel ereilen mich sehr intuitiv und assoziativ. Oft sind es Worte, die ich mit meiner Kindheit verbinde und mit den langen Sommermonaten in Mazedonien. Für mich sind Worte und ihre Bedeutungen wie Schichten der Erde. Zumal die Schicht an der Oberfläche, die eine zeitgenössische Bedeutung aufweist, für alle ersichtlich ist. Doch je mehr man, metaphorisch ausgedrückt, in die Tiefe gräbt, desto mehr verborgene, und vergessene Schichten kann man entdecken. So wie Owen Barfield sagte, sind Worte „Fossilien von Bewusstsein“. Ich spreche eine Einladung an die Betrachter aus, eine Art „Innere Archäologie” vorzunehmen und in die verschiedenen Bedeutungsschichten einzutauchen.
Wenn du an deinen Holzskulpturen arbeitest und sie monatelang selbst schnitzt, was willst du durch sie aussagen? Das Material ist das eine, aber welche skulpturale Bedeutung gibst du ihnen?
Schnitzen ist etwas, das immer einen sakralen Nachklang für mich hatte, denn ich assoziiere es mit christlich-orthodoxen Schnitzereien aus meiner Kindheit. Was ich daran schätze, ist, dass es ein sehr ehrliches Medium ist. Oftmals unbemalt, sind sowohl Form als auch Material klar ersichtlich für den Betrachter. What you see is what you get. Die Art, wie ich das Holz bearbeite und schleife, lässt eine menschliche hautähnliche Oberfläche entstehen. Dies fordert die Betrachter auf, die Oberfläche zu berühren. Diese Partizipation ist sehr wichtig für mich und eröffnet weitere Möglichkeiten, das Publikum zu Akteuren in meinen Werken zu machen.
Du hast lange in der Nähe von London und in New York gelebt: Welchen Einfluss hatten die Künstler*innen dort auf deine Arbeit und wie hat sich deine Arbeit, seitdem du wieder in Wien bist, weiterentwickelt?
Als ich den MFA in Columbia begann, applizierte ich mich als Maler. Und der Grund, warum ich unbedingt dorthin wollte, war, dass die Maler*innen, die aus dem Programm kamen, sehr
stark waren, wie etwa Dana Schutz, die dort unterrichtete. Als ich ankam, stellte sich aber heraus, dass Dana wegen ihrer Schwangerschaft nicht mehr unterrichten konnte, und Ende des ersten Semesters an der Uni brach ich mir meine rechte Hand. Diese Umstände zwangen mich, meine Identität als Maler stark zu hinterfragen. Ende des zweiten Semesters begann ich meine Ersten Cut-Outs aus Sperrholz zu schneiden. Das war ein großer Durchbruch für mich. Maßgebend dafür war der multi-mediale Künstler Sanford Biggers. Er schien meine visuelle Sprache auf Anhieb zu verstehen und ermutigte mich, tiefer in die multi-dimensionalen Möglichkeiten von Skulptur einzutauchen.
Immer wieder sieht man organische Formen in deinen Bildern und den Holzbemalungen. Sie orientieren sich an Formen der Natur und treten als Rundungen im Bild hervor. Im zeitgenössischen Möbeldesign und auch in der Architektur (Zaha Hadid) findet man die Wiederentdeckung des Organischen in der Kunst. Welche Bedeutung hat das für dich?
Dies unterstreicht eine der wichtigsten Dichotomien in meiner Arbeit. Und zwar den Berührungspunkt zwischen Kultur und Natur. Hiervon bin ich stark beeinflusst und von den Theorien des Evolutionsbiologen Richard Dawkins über die „Meme“. Diese besagen, dass sich Ideen in Kulturen nach denselben Prinzipien ausbreiten und vermehren wie Gene in biologischen Körpern. Wenn in meinen Bildern Buchstaben scheinbar aus den Bildern wachsen und sich Weinreben oder Viren ausbreiten, so stellt dies einen Versuch dar, die Mutation einer „Meme“ visuell darzustellen. Denn Dawkins „Meme“ ist der fast spirituelle Punkt, wo Natur und Kultur sich küssen.
Du gehst einem traditionellen Handwerk nach, wenn du deine Skulpturen aus Holz herstellst. Inwieweit reflektiert deine Arbeit die heutige Zeit? Oder ziehst du dich davon zurück und kommst von einer imaginären Welt nach außen? sagen?
In einer Zeit, in der man jegliche nur erdenkliche Skulptur auf Knopfdruck 3D-drucken kann, versuche ich gezielt, den Schaffensprozess zu verlangsamen. Denn dies verlangsamt auch automatisch den Betrachtungsprozess. Mein Wunsch ist es, der Fragmentierung der westlichen Psyche entgegenzuwirken. Meine Figuren und Geschichten laden dazu ein, neue Möglichkeiten aufzuzeigen und die entstandene Schnittwunde zwischen Kultur und Natur wieder zu heilen.
In deinen Gemälden sind die Titel oft versteckt im Bild platziert, man muss regelrecht danach suchen. Was willst du damit sagen, und führst du dadurch den Betrachter in deine symbolistische Welt?
Die Bilder, die mich immer am meisten anziehen, sind diejenigen, die zugleich aufzeigen und verbergen, wie ein „slight of hand” Trick in der Magie. Dies deutet zum einen auf verschiedene Bedeutungsebenen des Werks, zum anderen verlangsamt es den Betrachtungsprozess. Die Gemälde ermutigen zur wiederholten Betrachtung und sind voll mit versteckten Querverweisen und „Easter-Eggs”.
Was werden deine nächsten Projekte sein, und wohin bewegen sich Deine Inhalte?
Im Moment arbeite ich an einer Performance mit zwei großflächigen Holzskulpturen. Darin sollen die Betrachter dazu verführt werden, einen Teil des Werkes zu zerstören. Die Reste dieser partizipativen Zerstörung „kreieren“ dann sozusagen die Skulpturen. Zerstörung als Möglichkeit eines Neubeginns.