Ein Gespräch mit Johannes Hartl
Auf Empfehlung entdecken wir im Frühling den Bestseller »Eden Culture« von Johannes Hartl und gelangen durch die Lektüre zur Erkenntnis, dass es sich nicht nur um ein Buch handelt, sondern um ein Netzwerk von Freunden, die die Sehnsucht nach einer positiven Veränderung unserer Gesellschaft antreibt. Beflügelt von dem Bestreben, Gleichgesinnte aufzuspüren, arrangieren wir ein Gespräch, um uns mit dem Initiator und Autor auszutauschen.
Im Spätsommer ist es soweit und wir betreten das Gebetshaus in Augsburg, um Johannes Hartl persönlich kennenzulernen. Im modern gestalteten Eingangsbereich, der direkt in ein gemütlich-hippes Café übergeht, herrscht reges Treiben: Junge Menschen sind in Gespräche vertieft, es wird gelacht, sich herzlich begrüßt und verabschiedet, gearbeitet, gelesen, gedacht, genossen. Man kommt sich gar nicht vor wie in einer klassischen Gebetsstätte. Unsere Erwartungshaltung war eine andere. Die Betonung der persönlichen Spiritualität, der einfachen praxisnahen Sprache und der zeitgenössischen Ästhetik verhelfen dem Gebetshaus, dessen Gründer Johannes Hartl ist, seit Jahren dazu, ein überregionaler Anziehungspunkt zu sein. Im Gebetsraum, der 24h und 7 Tage in der Woche geöffnet bleibt und auch vielfach mit Live-Musik (nicht klassisch, sondern Pop) bespielt wird, treffen sich die Menschen zum Gebet und lobpreisen ein neues kulturelles Bewusstsein. »Die Erfahrung hier zeigt uns, dass Glaube und Kirche der Zukunft in diese Richtung gehen wird. Das heißt nicht, dass wir der einzige Schlüssel sind. Es gibt auch andere Elemente, aber das ist einer der Orte, an dem man einen Teil der Kultur von Glauben in der Zukunft sehen kann«, erklärt Johannes Hartl und führt uns in seinen Rückzugsort des Gebäudes, wo wir mit ihm über Liebe, Schönheit, Sinn und den Garten Eden sprechen.

HUGO V. ASTNER: Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Gott? Mit der Liebe, dem Leben selbst? Kann das auf ein einschneidendes Erlebnis, das Sie durchlebt haben, zurückgeführt werden?
JOHANNES HARTL: Ich erinnere mich an eine Situation, als Kind. Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, blickte auf den herbstlichen Wald und mir kam dieses ganz surreale Gefühl mit dem Gedanken: »Das ist ja unglaublich, das gibt’s alles wirklich.« Es war ein Staunen über die Tatsache, dass es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Ludwig Wittgenstein sagte so in etwa: »Nicht wie die Welt ist, sondern dass sie ist, ist das Mystische« Und wenn man diese Definition teilt, war das für mich der Anfang sowohl meines Interesses für Schönheit, für diese Suche nach der Wahrheit in der Philosophie als auch nach Gott, wenn man so möchte.
Und aus dieser Erkenntnis heraus konnten Sie dieses Interesse dann sukzessive entwickeln?
Ja, wie organisches Wachstum. Ich erinnere mich an einen Besuch in Paris mit meinem Vater als ich 15 war. Das hat mir die Augen geöffnet für die Schönheit und die Kunst. Es war wie ein Erweckungserlebnis im Künstlerischen. Ein Jahr vorher habe ich eine für mich ganz entscheidende Glaubenserfahrung gemacht. Auf einem Camp für Jugendliche hatte ich das Gefühl, ich spüre diese Liebe und Kraft Gottes. Das war ganz einschneidend. Und dann hatte ich noch ein persönliches Erklärungserlebnis zur Philosophie. Mit 16 Jahren nahm ich an einem Philosophiekreis teil. Dieser wurde für mich Montagabend immer unglaublich wichtig, zu einer Schule des Denkens.
Interessant. Wenn es eben, wie Sie sagen, um Schönheit, um Freiheit, um Liebe geht, brauchen wir dann, weil Sie es eben angesprochen haben, Theologie und Philosophie, um diese zu begreifen?
Nein, das wäre furchtbar. Theologie ist die rationale Reflexion auf Glauben und Philosophie ist die rationale Reflexion auf unser Denken. Alle Menschen denken und fast alle Menschen glauben; es wäre furchtbar, wenn es nur jene täten, die sich auf akademischem Niveau damit auseinandersetzen.
Spielt die Bibel dabei auch eine bestimmte Rolle?
Auf jeden Fall. Die Bibel ist praktisch in Schrift geronnene Erfahrung mit Gott, mit allem Positiven und Negativen und in all ihrer Vielfarbigkeit. Für mich persönlich nicht nur das bedeutendste Buch der Literaturgeschichte, sondern das Wichtigste.
Der Zugang zur Bibel ist für viele ja insofern verschlossen, weil sie teilweise in Gleichnissen geschrieben ist. Viele Menschen haben das Bedürfnis, die Bibel besser zu verstehen, aber die Erklärung fehlt …
Provokant gesagt fehlt auch der Mut, sie ganz durchzulesen. Es ist ein dickes Buch. Das Interessante ist das gesamte Narrativ, ähnlich wie in »Herr der Ringe«. Die Story kann man in zwei Sätzen erzählen, aber das Interessante ist, wie es sich aufbaut, wie Tolkien eine ganze Welt entwirft und die Bibel entwirft auch eine ganze Welt, inklusive menschlicher Abgründe und großartiger Geschichten. Wir sind es nicht mehr gewohnt, dicke Bücher zu lesen, aber ich glaube, man muss die Bibel als Ganzes lesen oder zumindest das Neue Testament. Ich finde es schön, dass es in der Bibel sehr viel Geheimnisvolles gibt. Die Vorstellung eines Gottes, der den Umfang meines Gehirns hat, ist nicht erstrebenswert. Das heißt, egal wo man anfängt, man wird auf jede Menge Inhalte treffen, die man nicht versteht. Und immer, wenn man etwas nicht versteht, kann man sich entweder daran stoßen und Abstand nehmen oder man kann zu mehr Demut, Selbstbescheidenheit, Staunen und Ehrfurcht finden. Niemand versteht das Meer, wenn man das Meer anblickt. Man kann es nicht verstehen. Es ist größer als wir. Und für mich ist die Bibel wie ein Meer oder wie ein Gebirge und ich bescheide mich mit der Tatsache, dass ich nur wenig davon verstehe.
In Ihren Vorträgen und Büchern geht es häufig um Wahrheit, um die Schönheit, die Liebe und das Bewusstsein. Wie sich Menschen auf Gott einlassen können. Welches Geheimnis ist der Schlüssel für eine Verbindung zu Gott?
Da würde ich zwei Aspekte nennen und die haben inniglich miteinander zu tun. Der erste ist das Geheimnis der Kapitulation. Man kann nicht zu Gott auf dem Ross der eigenen Großartigkeit empor reiten, sondern da gibt es ein inneres Zerbrechen und ein Scheitern. Man kann auch sagen, man muss sterben, bevor man von Neuem geboren wird. Und das zweite ist die Person Jesu. Ich spreche da natürlich als Christ, ein Buddhist würde es anders ausdrücken. Aber ich persönlich glaube, dass dieses Scheitern, auch das Scheitern an der eigenen Perfektion oder an meinem eigenen Idealismus, das Anerkennen der eigenen Gebrochenheit die Erfahrung der Gnade schenkt, die durch Jesus zu uns kommt. Ich glaube, dass das letztendlich der Weg zu Gott ist.


Sie meinen das Zerbrechen, die Kapitulation bezogen auf das persönliche Ich, oder geht das weiter hinaus?
Das kann ein einmaliger Vorgang sein, dass ich merke, ich scheitere wirklich an meinen Ansprüchen. Ich bin nicht der, von dem ich immer denke, der ich sei und gleichzeitig kann jede Erfahrung von Scheitern neu zum Einfallstor werden. Jemand hat mal gesagt: »All beautiful things must be cracked, there must be a crack somewhere for the light to get in.” Es muss irgendwo einen Bruch geben, damit das Licht reinkommt. Und es scheint in unserem Herzen auch so zu sein. Der Perfektionismus und der Idealismus können zu einer perfekten Mauer zwischen uns und anderen werden. Die Berührbarkeit gibt es nur mit Verwundbarkeit. Die Verwundbarkeit ist nicht vorhanden, wenn ich denke, dass ich perfekt sei. Und auf Gott übertragen, wäre es das, was man Gnade nennt. Dass ich auf Gnade angewiesen bin, scheint eine existenziell menschliche Erfahrung zu sein.
Und nochmals zu Jesus als Schlüssel … Wie können wir das verstehen?
Jesus hat nicht einfach über Liebe gesprochen, sondern er hat gelebt, was Liebe bedeutet, nämlich Hingabe bis zum Tod. Und, dass Gott mich so liebt, dass er Mensch wird, dass er sich mir auf diese Weise hingibt, glaube ich, ist der Schlüssel dafür, dass unser hartes, verkrustetes Herz weich wird.
Würden Sie als Theologe, Philosoph und Autor behaupten wollen, dass eine Beziehung zu Gott notwendig ist, um in Liebe zu sein oder in der Liebe zu leben, ob für sich oder für die gesamte Gesellschaft?
Es gibt Menschen, die den Namen Gottes in den Mund nehmen und nicht sehr liebevoll leben. Und es gibt Menschen, die von sich selber sagen, dass sie nicht gläubig sind und sehr viel lieben. Deswegen wäre ich vorsichtig. Ich glaube, dass jeder Mensch, der einmal zu lieben versucht, mit der Tatsache konfrontiert wird, dass er auch an seinen Versuchen scheitert, zu lieben und bedürftig ist nach Gnade. Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe. Aber unsere Sehnsucht nach Liebe ist größer als das, was wir je bekommen werden. Das heißt, die Frage ist schon, wie gehe ich denn damit um, dass ich lieben möchte, aber scheitere und dass ich mich nach Liebe sehne? Für mich ist die Frage der Mensch. Für mich ist die menschliche Liebe ein großes Fragezeichen. Und Gott ist die Antwort. Ich würde aber nicht sagen, dass man ohne Gott nicht lieben kann. Das wäre mir zu platt.
Ist Kontemplation ein geeignetes Wort, in diese Liebe zu gehen?
Ja. Ich wähle dieses Wort auch. Und ich mag es lieber als Meditation.
Wo liegt der Unterschied?
Die Kontemplation öffnet sich für das Du. Die Meditation betont die Abkehr vom Außen. Wenn man so will, ist es das, was Jesus sagt: Wer sich selbst verliert, wird alles gewinnen. Kontemplation bedeutet: Ich bin ganz im Du. Ich bin ganz da. Das ist letztlich die Haltung der Liebe. Wenn ich in einem Gespräch liebend da bin, ist das für einen anderen die größte Erfüllung. Wer beim Küssen an die eigene Lippe denkt, macht irgendwas falsch. Beim Küssen ist man beim Anderen. Jede wahre ästhetische Erfahrung ist so. Wenn ich im Konzert sitze und darüber nachdenke, wie es mir gerade geht, dann werde ich nichts von der Kunst haben, sondern ich habe dann was von der Kunst, wenn ich alles verliere.
Das Kernthema dieser Rubrik »ars vivendi« ist die Liebe. Und das Leben natürlich, weil das eine das andere bedingt. Ist die Liebe Ihrer Meinung nach gottgegeben? Oder ist sie einfach eine unsichtbare Kraft im Universum? Ist sie vorhanden oder müssen wir sie im Leben Stufe um Stufe erlernen?
Fast alle Fragen würde ich mit ja beantworten. Es sind für mich nicht Entweder-oder-Fragen. Ich glaube nicht, dass die Liebe im Universum vorhanden ist, weil ich glaube, die Liebe beginnt damit, dass es Subjekte gibt, Menschen. Ich weiß nicht, inwiefern man sagen kann, dass der Stein das Wasser liebt, indem er liegt. Ich glaube, es sind Personen und wir wissen nur von Menschen mit Sicherheit, dass sie Personen sind. Menschen sind fähig zur Liebe, weil sie dieses Ja zum Sein sprechen können. Und sobald es Personen gibt, gibt es auch die Liebe. Deswegen ist die spannende Frage: Warum gibt es überhaupt Personen? Es muss eine größere Person geben, von der wir herkommen. Deswegen glaube ich auch, dass Gott nicht nur Energie oder Bewusstsein ist, sondern auf jeden Fall auch personale Eigenschaften hat. Und dann ist die Frage, woher kommt die Liebe? Ich glaube, das Grundlegendste, was wir, wenn es Gott gibt, über ihn wissen können, ist, dass er eine Person ist und dass er die Liebe ist. Wenn die Liebe ist, muss auch Dreifaltigkeit sein, denn Liebe in der Einsamkeit gibt es nicht. Liebe ist an sich schon Gemeinschaft.
So wie Peter D. Ouspensky es ausdrückt: Nur der Mensch ist in die Liebe eingeweiht?
Ich glaube, das ist wahr.
Sie haben mit Ihrer Frau Jutta 2005 das Augsburger Gebetshaus gegründet, welches Sie leiten. Welche Bedeutung hat das Gebet für Sie und hier in diesem Haus?
Für mich ist das Gebet das Einatmen der Seele. Es ist so wichtig wie das Einatmen für meinen Körper. Es ist meine Lebensessenz und ich glaube, dass die Tatsache, dass wir in der westlichen Welt unsere spirituellen Wurzeln und, wenn man so will, das Gebet verlassen haben, eines der größten Dramen unserer modernen Geschichte ist. Ein Zurückfinden zu dieser Quelle und auch zum Gebet ist eine der dringendsten Aufgaben.
Welche Symbolkraft hat ein derartiges Gebetshaus?
Ich kann nur aus der Geschwindigkeit der Entwicklung schlussfolgern, dass die Symbolkraft groß ist. Wir haben mit einer Handvoll Leute begonnen und waren auf unserer letzten Konferenz 12.000, erreichen bis zu 7 Millionen Menschen im Internet. Das ist nicht wenig, von daher glaube ich, dass alles Echte von Innen heraus strahlt. Ich glaube, das Geheimnis von Kunst ist das Geheimnis von Persönlichkeiten, die etwas im Herzen tragen. Warum sind denn Glaube und Kirche heute so unattraktiv? Weil man doch Vielen gar nicht mehr abnimmt, dass das, was außen pompös aussieht, im Inneren mit Leben gefüllt wird. Wir gehen einen ganz anderen Weg. Das Gebetshaus ist keine Kirche. Man muss nirgendwo Mitglied sein. Jeder kann kommen, wie er will, egal, wo er dazugehört. Im Mittelpunkt steht diese persönliche Beziehung zu Gott im Gebet. Offensichtlich beginnt da was zu strahlen, so dass Menschen, egal ob sie dem Glauben fernstehen oder gläubig sind, sich irgendwie angezogen fühlen.
Schön, dass Ihnen das gelungen ist. Lassen Sie uns zu Ihrem Buch und Projekt »Eden Culture« kommen. Welche Stelle würden Sie im Buch besonders unterstreichen?
Die letzten Seiten. Da geht es um ein inneres nach Hause kommen und das ist sehr biografisch. Ein langsames, immer tieferes zu Hause ankommen. Wenn unsere Zeit irgendwas braucht, dann braucht es das Gefühl einer Beheimatung, eines nach Hause Kommens. Die Stärke des Buches sehe ich darin, dass jeder, je nachdem, wo er steht, sei es beim Thema Verbundenheit, sei es beim Thema Sinnorientierung oder beim Thema Ästhetik und Schönheit, für sich selber Handlungsanweisungen finden kann. Es geht niemand aus dem Buch raus, ohne mindestens fünf Ideen vorgeschlagen bekommen zu haben, was er im Leben tun könnte, damit das Leben ein Stück weit menschlicher wird.
Sie erzählen im Buch von diesem Garten Ihrer Eltern. Und klarerweise, wenn es vor einem Haus einen Garten gibt, dann gibt es dort Menschen, die etwas kultivieren …
Richtig. Es braucht nämlich etwas, das man kultivieren kann. Und unsere Gesellschaft lebt vom Kultivieren eines menschlichen Miteinanders. Und für dieses Miteinander wähle ich das Wortbild.
Mit diesem Garten im Elternhaus rückt auch ein Wort in den Vordergrund, das Sie immer wieder betonen, und zwar der Sinn. Könnten Sie uns da mehr dazu sagen?
Die sprachliche Herkunft des Wortes Sinn hat mit örtlicher Orientierung zu tun, wie im Wort Uhrzeigersinn. Sinn bedeutet: Ich weiß, wo oben und unten ist. Es gibt in einem Garten eine Ordnung. Das unterscheidet ihn vom Dschungel. Der Garten ist keine Wildnis, sondern es gibt ein sinnvolles Zusammenwirken. Die Frage ist, gibt es für das menschliche Leben auch so etwas? Oder ist das menschliche Leben ein Dschungel, in dem jeder seine eigene Parzelle nach seinem eigenen Dünken beackern muss? Das hieße, es gibt keine Stadt und kein Miteinander. Wir wären eine Welt der Vorgärten. Wir leben als Gesellschaft in der Annahme, dass es etwas Gemeinsames gibt, allein aufgrund der Tatsache, dass wir eine Sprache sprechen. Nicht jeder hat eine eigene und das zeigt, dass wir zumindest die Hoffnung hegen, dass es einen gemeinsamen Sinn gibt. Sinn ist immer sprachlich vermittelt. Nur weil wir darüber sprechen können, können wir nach dem Sinn suchen. Sprache aber gibt es nur mit dem Konzept der Wahrheit. Mit dem haben wir es in der jetzigen Zeit ein bisschen schwer, weil wir glauben, dass es so was wie objektive Wahrheit nicht mehr gibt. Ich glaube, dass wir Sinnorientierung im Einzelnen und als Gesellschaft nicht von der Frage trennen können: Was ist wirklich wahr? Deshalb ist die Sinnfrage am Schluss doch etwas sehr Großes, was unweigerlich an die metaphysischen und auch religiösen Fragen grenzt.
Warum entfernt sich die moderne Gesellschaft zunehmend vom Begriff der Schönheit?
Sie tut das ja nur teilweise. Dort, wo Schönheit funktionalisiert wird, also direkt einem Zweck dient, boomt sie. Wir leben in einer sehr ästhetischen Gesellschaft der Schönheitsoperationen, der Bearbeitung von Fotos, damit sie noch „schöner“ sind. Womit wir zunehmend aber Mühe haben, ist mit dem verzweckten Schönen. Und ich behaupte, dass das Wesen des Schönen tatsächlich das Unverzweckte ist. Das Schöne verliert etwas von der Strahlkraft, wenn es nur für Zwecke missbraucht wird. Wir haben eine Ästhetik, die durch die Produktionsverhältnisse der Moderne ermöglicht wurde, die alles auf die funktionale Ehrbarkeit reduzieren kann. Es gibt aber auch eine tiefere, ich glaube philosophische Frage, warum wir als Gesellschaft gerade auch in der Kunst der Schönheit misstrauen. Und diese Entwicklung setzt erstaunlicherweise relativ genau mit dem Ersten Weltkrieg ein. Der Verlust des Reimes in der Lyrik, das Ende des Jugendstils in der Architektur, das Ende des Gegenständlichen in der Malerei. Zum ersten Mal kommt zeitgleich eine Kunsttheorie zum Vorschein, die komplett ohne das Konzept Schönheit funktioniert. Undenkbar bei Schiller. Ein Kunstbegriff ohne Schönheit. Ich persönlich bin auch nicht sicher, ob man für den Kunstbegriff den Begriff Schönheit zwingend braucht. Aber es ist einfach nur interessant, dass in den Zehnerjahren zum Ersten Mal eine Kunsttheorie entwickelt wird, die komplett ohne den Begriff Schönheit auskommt.
Stichwort: Ende des Friedens. Warum lässt Gott immer wieder Kriege zu?
Ich komme gerade von der russischen Grenze und habe in Estland vor Geflüchteten und jenen, die sie aufgenommen haben, gesprochen. Es war eine sehr intensive Erfahrung. Ich habe viele Freunde in der Ukraine und auch Freunde in Russland. Deswegen ist es für mich nichts emotional Fernes. Und um Ihre Frage zu beantworten: Wir Menschen sind leider anfälliger für das Böse als uns immer selbst bewusst ist. In unserer rein intellektuellen Erkenntnis sind wir oft weiter als in unserer tatsächlichen emotionalen Reife und sind gefestigt im Guten. Bedeutet: Wir bleiben anfällig. Im Vaterunser heißt es: Bewahre uns vor dem Bösen und führe uns nicht in Versuchung. Ich bin anfällig für das Böse. Und in Kriegszeiten sind wir anfällig für Nationalismus oder für Freund-Feind-Denken. Aber auch im Zwischenmenschlichen sind wir anfällig für alle möglichen Dinge. Ich bin mir nicht sicher, ob die Welt immer besser wird. Wir haben großen technologischen Fortschritt, und trotzdem hatten wir im 20. Jahrhundert schlimmere Kriege als je zuvor. Ich hoffe, dass wir weniger Kriege in der Zukunft haben werden. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir das Böse nach und nach eliminieren.
Sie haben das Vaterunser angesprochen. Es ist eines der schwierigsten Gebete überhaupt – und trotzdem ist es eines der mächtigsten. Wie kann ich dieses Gebet, also insbesondere das Vaterunser, beten, dass es wirklich richtig gebetet ist? Und was wollte uns Jesus hier mitgeben?
Das Wesentliche im Vaterunser ist die Reihenfolge. Es beginnt nicht mit Ich. Sondern es beginnt damit, wer Gott ist. Und mit dem unglaublich starken und leidvollen und schwierigen Wort Vater. Jeder hat einen Vater. Und fast niemand hat nur positive Erinnerungen an seinen Vater. Das heißt, mit diesem Wort kommt mein Herz der eigenen Biografie hoch. Vielleicht ist das Positive, dass ich jemanden habe, von dem ich abstamme, dem ich auch mein Leben verdanke. Ob der mir emotional und sinnhaft auch Ermutigung mitgegeben hat, ist eine andere Frage. Aber diese Aussage, dass Gott so ist, dass er im Wesentlichen von seinem Wesen her ein Schenkender, ein Zeugender, ein Lebensspendender ist, kommt an erster Stelle. Jetzt kommt das zweite: unser. Auch im Griechischen das zweite Wort. Das heißt, es hat irgendwie auch was mit anderen Leuten zu tun. Das macht schon mal Schluss mit allem Egoismus und mit allem »Ich stehe selbst im Mittelpunkt«. Gott ist der Schöpfer aller Menschen. An dritter Stelle folgt: Geheiligt werde dein Name. Das ist natürlich ein schwieriges Wort. Das heißt, im Letzten möge Gott mir wichtiger sein als alles andere, weil es das ist, was mir heilig ist. Nicht mein Name ist das Wichtigste, sondern Gott. Dann, das nächste: Dein Reich komme. Das ist heftig, weil das heißt ja auf Deutsch gesagt: Meine Herrschaft ist offensichtlich nicht das Wichtigste. Wir sind ja alle Kontrollfreaks, wir Menschen. Wir wollen selbst alles in der Hand haben. Dein Wille geschehe. Das ist bedrohlich. Freiheit bedeutet, dass ich loslasse und mich liebend Gott anvertraue. Und erst dann kommt das tägliche Brot. Und hier wird nicht gesagt: Gib mir das Brot für die nächsten 25 Jahre, sondern gib mir heute das, was ich heute brauche. Und dann auch eben sehr demütig: Vergib mir die Schuld, wie ich anderen vergebe. Eine tiefe Weisheit. Nur wenn ich anderen Menschen vergebe, kann ich selber im Frieden leben. Nur wenn ich loslasse, kann ich Vergebung empfangen. Wir begeben uns nicht in Versuchung. Nicht, weil Gott ein Verführer ist, sondern für mich heißt es ein demütiges Anerkennen, dass ich zu allerhand Unsinn fähig bin: Bewahre uns vor dem Bösen. Ich finde es ein sehr weises Gebet, zu wissen, es gibt das Böse, wofür ich auch anfällig bin, und nicht immer durchschaue ich’s. Und deswegen ist es gut, um Hilfe zu bitten. Kurzfassung Vaterunser.
Danke für diese Erklärung. Und dieses Wie?
Ich würde sagen, das Wichtigste ist es, überhaupt zu machen, sich jeden Tag Zeit dafür zu nehmen, ein paar Minuten in Stille. Ich glaube, es würde uns allen bedeutend besser gehen, wenn wir uns 15 Minuten jeden Tag nehmen würden. Vielleicht in der Früh, jeder alleine und dieses Gebet sehr langsam sprechen. Vielleicht auch, wie ich es jetzt gesagt habe, mit diesen einzelnen Punkten.
Können wir unser Leben in Beziehung zur Natur, zur Gesellschaft durch Liebe verändern? Was wäre aus Ihrer Sicht die resultierende künftige Mission?
Ja, das können wir. Wir können es nur nicht vollendet und nicht vollständig. In einer Zeit, die von extremer Digitalisierung und Beschleunigung geprägt ist, die Räume des Menschlichen, wo es um Sinn, Verbundenheit und Schönheit geht, wach zu halten, für die nächste Generation. Weil Menschen bleiben Menschen, egal wie technisch wir sind, wir werden immer ähnliche Herausforderungen haben. Und wir brauchen eine Kultur des menschlichen Herzens. Ich bin sehr optimistisch, dass, wo immer es das gibt, menschliches Leben aufblühen und produktive Lösungen finden wird, egal für welche Krisenmomente.
Der Artikel ist in der Print-Ausgabe 4.22 AFFINITY erschienen.