Interview mit Christian A. Petersen
Worüber spricht man eigentlich mit einem Ziegler? Diese Frage klärt sich schnell, wenn man mit Christian Petersen, dem Eigentümer von Petersen Tegl in Dänemark telefoniert: über guten Wein, „Rabatt“ als Stadt in Marokko und darüber, wie aus Fehlern neue Ideen entstehen. Christian A. Petersen ist ein sehr sympathischer Däne und sein Herz schlägt nur für Eines: seine Ziegel. Er hat die ganze Welt bereist, und dennoch ist er dort am liebsten, wo er schon im Alter von vier Jahren mit seinem Großvater immer war: in der Ziegelei. Auf Fotos, über die wir bei unserer Recherche stolpern, trägt der Vollblut-Ziegler Socken und ein Jackett mit Ziegelmotiven. Die Star-Architekten und Künstler pilgern regelrecht zu Petersen Tegl. Warum das so ist, war nach dem Gespräch mit Christian A. Petersen für uns sonnenklar – es sind das Charisma und die Begeisterungsgabe dieses Unternehmers, der es versteht, das Wesentliche nie aus den Augen zu verlieren, und zwar die Beziehungsebene. Diesen Wert hat er in seinem Familienunternehmen verankert, damit auch die nächsten Generationen danach leben.

Herr Petersen, das Unternehmen Petersen Tegl wurde 1791 von Ihren Vorfahren gegründet. Wurden Sie bereits in Ihrer frühen Jugend auf die spätere Übernahme des Familienunternehmens Petersen Tegl vorbereitet?
Mein Leben bestand eigentlich von Anfang an aus Ziegelsteinen. Schon im Alter von vier Jahren bin ich mit meinem Großvater durch die Ziegelei gegangen. Man erzählte mir, dass ich da schon neben ihm stand wie er, mit den Händen am Rücken und den Bauch nach vorne gestreckt. Ich habe überhaupt nie an etwas anderes gedacht, als dieses Unternehmen zu übernehmen und Ziegelsteine zu fertigen. Ich habe dann auch zusätzlich eine zweijährige Ausbildung in Maschinenbau absolviert. Nach zwei Jahren habe ich schon meine ersten Maschinen gebaut, die in unserer Herstellung verwendet werden. Sie sehen zwar etwas komisch aus, aber sie funktionieren noch immer wunderbar! 1962 hat mich mein Vater dann nach Bayern auf die Ingenieurschule für Tonkeramik geschickt. Auf dieser Schule waren viele schöne Frauen, da habe ich meine erste Frau kennengelernt, die leider nicht mehr lebt. Das mit der Verhütung ist gleich schief gegangen und es wurde unsere erste Tochter geboren.
Sie führen das Unternehmen heute in der 7. Generation und Ihre Kinder sind in das Familienunternehmen integriert. Wie ist Ihr Unternehmen aufgebaut, damit Sie die ganze Welt mit Petersen Tegl beliefern können?
Beide Töchter arbeiten im Unternehmen. Die ältere ist Vorsitzende, die andere ist Architektin, und auch der Schwiegersohn ist Architekt. Sie arbeiten alle hier mit. Ich habe 6 Enkelkinder
– also das geht alles wunderbar weiter… Wir sind ein Familienunternehmen und darauf legen wir großen Wert. Die Nachfolge ist schon geregelt. Wir beliefern 47 verschiedene Länder und 16 Staaten in Amerika.
Die Veränderungen während der aktuellen Pandemie wirken sich auf unser tägliches Leben, die Wirtschaft und auch auf die Bauwirtschaft aus. Verändern diese Einschränkungen Ihr Management und Ihren Unternehmeralltag?
Nein, im Grunde darf in den meisten Ländern auf den Baustellen weitergearbeitet werden. Wir haben immer noch einen sehr guten Absatz. Das einzige, was ich merke, dass wir keinen Besuch mehr haben von den Architekten. Das ist eben normalerweise mein Job, die Leute empfangen, sie durch die Produktion zu führen und nachher auf mein Schiff zu gehen, um dort ein 3‑gängiges Menü mit guter Weinauswahl zu genießen. Die wichtigste Aufgabe für mich ist es, pro Jahr 1000 gute Flaschen Rotwein zu kaufen, damit immer ausreichend da ist. Die Vertragsgespräche werden immer auf unserem Schiff, ein umgebauter alter Fischkutter aus dem Jahre 1931, draußen auf dem Meer geführt, und wenn die Verträge nicht gezeichnet werden, müssen die Besucher an Land schwimmen.
Kommen wir zu Ihren Produkten. Ton als Urmaterie hat eine sehr beruhigende Wirkung auf Mensch und Tier; Ton strahlt Wärme aus, gibt Sicherheit und löst in uns ein tiefes Wohlbefinden aus. Warum ist das so?
Ich kann das auch nicht ganz genau erklären, aber es ist wirklich so, dass die Menschen sich mit Ziegelsteinen wohl fühlen. Der Ton wir ausgegraben, geformt, getrocknet und gebrannt und dann hält er 300–500 Jahre. Vor zehn Jahren bin ich in den Iran gereist und da gibt es einen alten Tempel aus Ziegel gebaut, ganz dicke Wände. Das wurde 1300 v.Chr. gebaut, also sehr beeindruckend. Die Menschen fühlen irgendwie diese Nachhaltigkeit und schätzen sie.
Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, ist Ton als Baumaterial seit prähistorischen Zeiten bekannt. Mit der Kirche und den Klöstern verbreitete sich die Ziegelbautechnik. Wie haben sich der Ziegel und seine Verwendung von damals bis heute verändert?
Natürlich sind heute die technischen Voraussetzungen in der Produktion andere. Prinzipiell hat sich aber vom Verfahren her nichts verändert. Der Ton wird ausgegraben, geformt und gebrannt. Unsere Ziegel sind gelb, weil sehr viel Kalk darin enthalten ist, aber wir haben auch rote Ziegel mit viel Eisen. Die Farbvielfalt des Tons ist überhaupt gewaltig, wenn man bedenkt, dass es ein Naturprodukt ist.
Sie entwickeln gemeinsam mit Architekten maßgeschneiderte Lösungen. Wie können wir uns einen solchen Entwurfprozess vorstellen? Was inspiriert Sie?
Wir haben 3 Werte formuliert, nach denen wir handeln: 1. Der Kunde ist König, 2. Customer is King und 3. Le client est roi. Wenn der Architekt mit Ideen zu uns kommt, dann setzen wir eben all das um. Und es gibt noch etwas Wesentliches in unserem Unternehmen: Wir begegnen uns alle auf Augenhöhe. Bei uns gibt es keine Titel, keine Positionsnamen oder ähnliches – niemand hat das auf der Visitenkarte stehen. Ich sage immer, wenn wir die Hosen runter lassen und uns auf den Topf setzen, haben wir alle dasselbe Niveau.
Welche Rolle spielen Kunst und Künstler in der Kultur von Petersen Tegl und auch in Ihrem persönlichen Leben?
Künstler kommen immer wieder gerne auch zu uns mit Ideen. Da gab es schon viele Themen mit Farben und Glasuren. Zurzeit arbeiten mehrere Künstler mit Ziegelstücken an einem großen Mosaik – so ähnlich wie Gaudí in Barcelona. Wir sind da schon offen dafür – auch wenn dann gerade bei Farben auch manchmal etwas schieflaufen kann. Im Grunde sind heute ja auch viele Bauwerke ein Kunstwerk. Olafur Eliasson beispielsweise hat ja auch ein wunderbares Haus mit unseren Ziegelsteinen umgesetzt.
Welche Eigenschaften müssen bei der Herstellung Ihrer Ziegel berücksichtigt werden und was unterscheidet sie von Ihren Konkurrenten?
Alle meine Kollegen können so schöne gleichmäßige Ziegel machen. Ich habe krumme, schiefe Ziegel, die unterschiedlich in der Farbe sind. Ich bin ja nie weiter gekommen als meine Vorfahren. Manchmal machen die Menschen bei mir auch Fehler. Beispielsweise bei der Brenntemperatur. Und dann kommen diese Steine plötzlich besser beim Kunden an als die fehlerfreien. Fehler können Quellen für Inspiration sein.
Was ist der Unterschied zwischen dem klassischen Petersen-Tegl-Ziegel und dem Kolumba-Ziegel, der als „der teuerste Ziegel der Welt” bezeichnet wird?
Ich habe damals für Peter Zumthor verschiedene Ziegel entwickelt. Dann sagt er zu mir: „Herr Petersen, die Römer haben so lange dünne Ziegel gemacht, können Sie das auch?“ Ich meinte „Ja.“ Und er sagt: „Wie lang können Sie die machen?“ Dann habe ich im Kopf rechnen müssen, wie viele da zum Trocknen auf dem Blech überhaupt Platz haben und kam auf 54cm. Und er sagt: „Ist in Ordnung, Herr Petersen.“ So ist das Kolumba-Maß in 2 Minuten entstanden. Mittlerweile gibt es viele Varianten davon. Und nochmals zum Preis meiner Ziegel: Wenn man ein Haus baut, so ist in der Regel die Fassade das Langlebigste, das was lange bestehen bleibt. Innen kann sich viel verändern, aber die Architektur und die Außenfassade bleiben bestehen. Das beweisen auch historische Bauwerke. Heute kostet ein Ziegel meiner Mitbewerber einen halben Euro. Für ein Einfamilienhaus brauchst du 15.000 Ziegel also sind das 7.500 Euro. Wenn du meine nimmst, dann kostet es das Doppelte. Also der Preisunterschied für einen tollen Ziegel beträgt 7.500 Euro. Also eigentlich Kleinkram im Verhältnis zu den Gesamtkosten. Und übrigens, weißt du, was für uns Rabatt ist?
Ein Preisnachlass…?
Nein, Rabat ist die Hauptstadt von Marokko.
Gibt es heute noch geniale Architekten, Ingenieure und kompetente Handwerker, die mit Ziegeln ein so kunstvolles Bauwerk schaffen, wie zum Beispiel das Empire State Building, das immer noch als schönster Wolkenkratzer der Welt und als Ikone des Art Déco gilt?
Das Empire State Building ist sicher etwas Besonderes, und bis vor 80 Jahren ist in New York kein höheres Gebäude mit Ziegelsteinen verkleidet worden. Außer in der 180 East 88 Street, da ist ein kleines Häuschen, 160 m hoch, (lacht) und das ist verkleidet mit Petersen Ziegel. Das ist nun das höchste Haus in New York, das mit Ziegelsteinen verkleidet ist. Da sind wir sehr stolz drauf! Die Architekten lieben unsere Ziegel – eine Herausforderung ist es manchmal, die geeigneten Handwerker zu finden, die mit dem Material richtig umgehen können, aber auch dafür finden sich Lösungen. Nach Amsterdam liefern wir jetzt für ein Bauwerk 60.000 Ziegel sowie 12.000 Formsteine, die alle von Hand gearbeitet sind. Das ist ein Trend, der mehr und mehr spürbar ist. Die Architekten schätzen solche einzigartigen Materialien.
Wie würden Sie Ihre Emotionen beschreiben, wenn Sie daran denken, dass das Familienerbe von Petersen Tegl weltweit in der Stadtarchitektur verewigt wurde?
Selbstverständlich bin ich stolz und freue mich. Ich reise nicht mehr viel herum, denn ich bin ja ein alter Dackel mit 79. Ich muss schon manchmal unterwegs sein, aber nicht mehr so viel wie früher. Die Menschen kommen auch sehr gerne zu mir. Ich habe zwei Direktoren, die mittlerweile alles in der Firma steuern, und das ist auch richtig so. Ich kann mein ganzes Herzblut in das Wesentliche stecken – die Beziehungspflege zu Kunden und Mitarbeitern. Ich laufe jeden Morgen, alle Betriebe ab und sage allen Mitarbeitern „Guten Morgen“ und das sind insgesamt rund 160 Leute, verteilt auf drei Betriebe.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ziegel machen. Was sonst?